Wie
wertvoll ist Glaube heute?

Mina Ahadi bei der Podiumsdiskussion am 23. April 2008 im Atlantik Kempinski
Hamburg
Am Mittwoch, dem 23. April 2008, fand im Atlantic Forum eine spannende Podiumsdiskussion
zum Thema „Gaube versetzt Berge – Wie wertvoll ist Glaube heutzutage?“ statt.
Teilnehmer dieser Diskussion waren Mina Ahadi, Vorsitzende des Zentralrat
der Ex-Muslime, Dominikaner Schwester Jordana Schmidt, Landespastorin Annegrethe
Stoltenberg, Rechtsanwalt Dr. Michel Friedmann, der Hamburger Religionswissenschaftler
Wolfram Weise sowie der Medienwissenschaftler Prof. Dr. Jo Groebel, der diese
teilweise hitzige Podiumsdiskussion leitete.
Mina Ahadi, als einzige Atheistin unter den geladenen Podiumsgästen, warnte vor der Macht, die von jeder Religion ausgeübt wird. Unter dem „Deckmantel“ der Religion finden noch heute, im 21. Jahrhundert entsetzliche Greultaten wie z. B. Steinigungen, Folterungen etc. statt. Sie sagte, dass die Menschen im Vordergrund seien und nicht die Religion. Mina Ahadi betonte verstärkt, dass Religion und Glaube eine Privatsache jedes Menschen bleiben sollte und sich nicht in die Politik und Gesellschaft einmische sollte. Jeder Mensch wäre frei, an etwas zu glauben oder auch nicht. Das soll von jedem respektiert werden. Aber wenn die Religion und der Glaube politisiert wird, wie der politische Islam im Iran und anderen islamisch-regierten Ländern, dann wird sie gefährlich und man müsste dann unbedingt etwas dagegen tun!
Der Rechtsanwalt Dr. Michel Friedmann erklärte, dass jeder Mensch aufgefordert sei, die Frage nach dem Warum zu stellen. Niemand kann sich der Verantwortung aufgrund des Glaubens entziehen. Ein Glaube, der mehr Bedeutung hat, als die Vernunft, ist als gefährlich anzusehen und ab zu lehnen.
Sehr interessant war die Aussage, die von der Dominikaner Schwester Jordana Schmidt, getroffen wurde: Sie stehe trotz Kirche zu ihrem Glauben! Ihr Glaube sei Ihr Weg, ihrem Leben Vertrauen und Zusammenhalt zu erhalten. Parallel dazu stimme sie aber nicht in allen Punkten mit der Kirche überein.
Die Landespastorin Annegrethe Stoltenberg verwies auf die zwar geringe, aber doch ansteigende Zahl von Kircheneintritten. Die Diakonien in Schleswig – Holstein sind mit ihrem Dienst am Menschen wie z. B. Altersversorgung, Sucht- und Drogenberatungen etc. als Religion dem Menschen sehr nahe. Des Weiteren bemerkte Frau Stoltenberg, dass auch die evangelische Kirche mit Aktionen gegen die Greultaten wie sie z. B. im Iran, Sudan, Afghanistan u. a. Ländern stattfinden, protestieren würde.
Wolfram Weise wies vehement darauf hin, dass vor allem für Jugendlich die Auseinandersetzung mit Religionen sehr wichtig sei. Es gäbe seit ein paar Jahren ein verstärktes Interesse an Religionen. Hierzu bemerkte Dr. Michel Friedmann dass er die Bildung als das wichtigste Gut im Hinblick für Jugendliche sehe. „Wir sind gefordert, dass Bildungssystem für Kinder und Jugendliche zu erhöhen, denn nur wer eine gute Bildung erhält, wird sich auch kritisch mit dem Glauben auseinander setzen können.“
Mina Ahadi griff diesen Punkt auf, um nochmals darauf hinzuweisen, dass z. B. der Islam den Frauen Bildung verwehre. Sie selber durfte ihr Medizinstudium nicht fortsetzen, musste fliehen und als Partisanin lange Zeit unter schweren Verhältnissen leben, bis ihr die Flucht nach Wien gelang. Hier musste sie wieder die Flucht ergreifen, weil Islamisten die Todesstrafe für sie fordern. Bis zum heutigen Tag muss sie unter Polizeischutz leben. In einem europäischen Land muss jemand, der sich einer Religion abgewandt hat, im 21. Jahrhundert um sein Leben fürchten. Auch dieses ist Religion!
Das Publikum stellte den Podiumsgästen kritische Fragen. Insbesondere Schwester Jordana Schmidt wurde mit der Frage, wie sie z. B. Perspektivlosigkeit, Arbeitslosigkeit und auch soziale Probleme in Verbindung mit dem Glauben sähe. Schwester Jordana erzählte von den Kindern in dem Kinderdorf, in dem sie als Schwester tätig ist. Diese Kinder erlebten täglich den Glauben in einer Gemeinschaft, die von Vertrauen, Zusammenhalt und Freundschaft geprägt ist.
Leider konnte aus Zeitgründen nicht diskutiert werden, ob es die Jugendlichen,
die heute täglich mit den sozialen Alltags- und Überlebensproblemen
kämpfen, auch so empfinden.
Nazanin Borumand, ebenfalls ein Mitglied des Zentralrates der Ex-Muslime,
warf die Frage auf: „Warum müssen wir überhaupt glauben?
Wir sollen an die Menschen und den Humanismus glauben. Die Menschen können
die Berge versetzen!“
Dr. Michel Friedmann bemerkte auf diese Frage, dass es uns möglich
sein muss, seine eigene Glaubensmeinung zu vertreten, wies aber nochmals
daraufhin, dass jeder Glaube, sei er jüdisch, christlich, moslemisch
o. a. immer von jedem einzelnen kritisch zu hinterfragen sei.
Als Schlusswort bemerkte Mina Ahadi, dass sich jede Religion in die Politik
und somit in den Alltag und das Leben der Menschen einmische. Jeder Mensch
sollte an sich selber glauben und als Fazit gab sie an: „Ohne Religion
kann man besser leben!“
Es war eine spannende Podiumsdiskussion, die vor allem durch die geschilderten
Erfahrungen seitens Mina Ahadi und der Erzählung einer „Glaubensgeschichte“ von
Dr. Michel Friedmann zum Nachdenken über Religion und Glauben aufrief.
Susanne Groth
nachoben
![]()
Home
Aktuell
Kampagne
Verein
Archiv/Presse
Forum
Links
Impressum